Artikel (Dating, Frauen, Gesellschaft, Persönlich) / Wer Single über 30 ist, der muss sich erklären. In dem Geschwader aus Pärchen, aus dem die meisten Partys mittlerweile bestehen, fühle ich mich schnell wie etwas, das an einer unheilbaren Krankheit leidet oder zumindest an einem grauenvollen Ausschlag.
„Was, du bist Single?!“, fragen neu hinzugekommene Pärchen und gucken einmal schnell an mir auf und ab, als würden sie irgendwo ein zusätzliches Körperteil vermuten. Ich drehe mich possierlich im Kreis, wie ein exotisches Tier im Zoo, das ich hier wohl bin, um ihnen zu versichern, dass auch von hinten alles okay ist – kein Schwanz, keine Flügel. Sie schieben ein „Warum?“ nach, und bevor ich Luft holen kann, hagelt es auch schon gut gemeinte Ratschläge.
Eines ist nämlich klar: Als Single über 30 musst Du anscheinend irgendetwas machen, weil irgendwas mit Dir verkehrt ist. Als Frau ganz besonders. Da fragt niemand, wie ich mich damit fühle und ob dieser Zustand vielleicht ganz okay ist. Sofort sofort prasseln Tipps auf mich ein, was ich anders, besser oder überhaupt machen muss. Denn dass da etwas getan werden muss, ist klar! Es folgen: Die besten „Du musst“-Tipps. Die musst Du lesen!
„Du musst einen Single über 30-VHS-Sportkurs machen!“
So haben sich Brigitte und Björn kennengelernt. Beim Volleyball oder beim Bouldern. Ist ja egal. Wenn man sich über eine gemeinsame Gemeinsamkeit kennenlernt, hat man viel Gemeinsames für die gemeinsame Zukunft! Sie strahlen mich aus ihren Funktionsjacken in derselben Farbe von derselben Marke an.
Nein, ich möchte nicht mit dem Mann, mit dem ich in Zukunft zusammen bin, zusammen laufen gehen oder Yoga machen. Das ist meine Zeit für mich. In der Zeit kann er seine haben, Klettern gehen oder irgendwelchen Bällen hinterherjagen. Brigitte und Björn seufzen gleichzeitig auf und lassen mich egoistisches Arschloch auf der Couch alleine zurück. Natürlich gehen sie im Gleichschritt. Ben, der einzige Single des Abends, lässt sich mit einem schmierigen Grinsen auf dem freigewordenen Platz neben mir nieder. Ich flüchte zu Lisa und Jan.
„Du musst mehr ausgehen!“
Lisa und Jan, die Coolsten des Abends, haben bereits eine Flasche Gin vernichtet und arbeiten fleißig an der zweiten. Sie glühen erst vor für die richtige Feierei danach, irgendwas elektronisches Dubstepmäßiges im coolsten Club der Stadt. Ich muss unbedingt mitkommen, meinen sie. Das klingt gut! Um zwei Uhr nachts geht es los, sagen sie. Ich muss dringend einen Schluck nehmen.
Lisa und Jan sind beide 23 und wissen noch nicht, dass sich irgendwann – bei mir ging es mit 26, 27 los – das Alter körperlich bemerkbar macht. Auch wenn alle Welt so tut, als wäre 30 das neue 20. Abendveranstaltungen beginnen für 30+ lieber um zwanzig Uhr. Denn um Mitternacht liegt man lieber im Bett. Das geht sogar mir so, und ich hatte die längste Zeit einen exzessiven Eulen-Biorhythmus. Auch heute bin ich gerne länger auf, weiß mein Bett ab einer gewissen Uhrzeit aber in Reichweite. Und das bedeutet eben drei Schritte und keine Drei-Kilometer-Taxifahrt.
Einmal feiern gehen bedeutet drei bis vier Tage Erholungsphase. Erfahrungsgemäß ist irgendein Tag davon ein Werk- und somit Arbeitstag. Ich kann gar nicht so viel Concealer auftragen, wie ich müsste, um noch vortäuschen zu können, ich wäre etwas Humanoides. Und der Concealer übernimmt leidergottes auch kein Denken, Sprechen oder die Feinmotorik.
Das alles soll ich in Kauf nehmen dafür, dass ich zu später Stunde vielleicht jemanden sehe, der vielleicht ganz interessant ist, dann aber höchstwahrscheinlich eine Freundin oder Frau hat, die daheimgeblieben ist, weil sie lieber schlafen will? „Nein Danke! Dann bin ich lieber Single über 30!“ Ich habe meine Empörung offensichtlich nicht nur gedacht, sondern als Antwort laut gegrunzt. Jan und Lisa werfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu – Spießer-Alarm! – und drehen mir ostentativ mit der aller Freundlichkeit gebührenden Dezenz ihre Rücken zu.
Da kreuzen Martina und Martin auf – wie ich fürchte und sich gleich bewahrheiten wird, mit dem nächsten schlauen Satz auf den Lippen.
„Du musst deine Ansprüche runterschrauben!“
Ich gucke Martin an. Ich gucke Martina an. Haben sie das bei sich auch so gemacht? Spätestens jetzt könnte ich das vermuten: Sie sind das Paar auf der Party, das permanent unterm Radar durchfliegt. Wie ein silbergrauer Kombi fügen sie sich überall ein. So gut und unauffällig, dass … Von wem war hier gleich wieder die Rede?
Meine Ansprüche sind bereits heruntergeschraubt. Nicht, weil ich den Eindruck hatte, ich müsse es tun, sondern weil ich nicht gegen das Leben resistent bin: Ich habe doch selbst erlebt, wen ich alles lieben kann. Diese Männer haben nicht meinem Anforderungskatalog entsprochen. Anstelle des Katalogs führe ich mittlerweile eine Lose-Zettel-Wirtschaft und hefte die immer wieder anders ab, packe neue hinzu und werfe alte weg.

Heute muss es kein melancholischer Musiker mit Wuschelhaaren sein. Ich bin schon froh, wenn einer überhaupt noch Haare hat. In manchen Dingen muss man ab 30 eben Zugeständnisse machen. „Alle Ansprüche auf Null zu setzen würde bedeuten, eine Beziehung nur um einer Beziehung Willen haben zu wollen – und nicht wegen des Menschen. Muss ich das wirklich?“, will ich die beiden Menschen von gerade eben fragen, kann sie aber nirgendwo mehr entdecken.
„Ein Single über 30 muss …“
Weil ich die Gespräche mit den Anwesenden nicht mehr aushalte, greife ich zum herumliegenden Frauenmagazin der Gastgeberin. Der Titel klingt vielversprechend: „Single um die 30. Willkommen im Wahnsinn! Dates, Affären, Fast-Beziehungen – und wie wir die große Liebe doch noch finden“. Ich lese das Geschwafel aufmerksam, kann ihm aber nichts Neues entnehmen, außer, das ich als weiblicher Single über 30 ohnehin schon verloren habe: Wenn es nach der Redakteurin geht bzw. einer namenlosen Studie, stehen nämlich ausnahmslos alle Männer (!) – alle – auf Frauen in den 20ern. Mir fällt ein Gespräch mit einem Freund deutlich über den 40ern ein, der das bestätigt. Andere Gespräche und Studien verschwinden hinter der dunkelroten Wand, die mich langsam, aber fest, umschließt.
Das blöde Heft fliegt einmal quer durch den Raum und erwischt leider den Gin Tonic. Tobias hebt die Flasche schnell wieder auf und schenkt Markus und sich etwas ein. Markus studiert aufmerksam den Titel des Magazins, flüstert etwas zu Tobias. Kurz danach prosten mir die beiden zu:
„Du musst deine Glück online suchen!“
Die zwei haben sich über Tinder gefunden. Oder war es doch Finya?
Ich schnaufe Tobias und Markus an. Die lesen diesen Blog hier wohl nicht. Dass ich auf diversen Datingplattformen regelmäßig „mein Glück suche“ und noch regelmäßiger deswegen Katastrophen erlebe, ist den Frischverliebten anscheinend nicht bewusst.
„Du musst doch einen an der Klatsche haben!“
Das sagt der Blick von Evelyn. Ihr Liebster ist gerade auf dem Klo. So lange hält sie sich an ihrem Sektglas fest und taxiert mit halb aus zugekniffenen Augen und diesem „Irgendwas ist mit der doch falsch“-Blick. Ich kenne diesen Blick. Manchmal schaue ich so meine Dates an. Als Evelyn mich ertappt, dass ich sie ertappt habe, formt sich ihr Mund wie krümmende Knetmasse zu einem Lächeln, während ihre Augen weiterhin silberfarbene Eisblitze schießen. Sie treffen mich. Oder war das doch die Diskokugel der Gastgeber?
Wäre Evelyn nicht so unsympathisch, würde ich mit ihr jetzt darüber philosophieren, wie stark Psyche, Charakter und Prägungen aus der Kindheit bei der Partnersuche beitragen. Natürlich habe ich wie jeder – absolut jeder, nicht nur wie jeder Single über 30! – einen an der Klatsche. Aber vor einer Frau in zu engen weißen Hosen lasse ich meine nicht runter. Dafür gibt mir Evelyn nun den liebenswerten Tipp, ich müsse mich anders anziehen: So ein weites Shirt wäre unsexy hoch zehn, und Männer hören lieber das Klack-Klack von Stöckeln als das Pfzt-Pfzt von Sneakern. Evelyn kann froh sein, dass ich heute nicht meine Stiefeletten trage: Die machen Klong-Klong und ihr Abdruck würde sich zauberhaft auf Evelyns Hintern machen.
Zum Glück kommt ihr Freund von der Toilette zurück. Zeit, die jetzt selbst aufzusuchen. Auf dem Weg dahin blockieren aber Yogo-Navyik‘ar und Shamina den engen Flur. Die beiden knutschen eng ineinander verschlungen vor der Garderobe.
„Du musst dich selbst lieben!“
Yogo-Navyik‘ar und Shamina müssen gleich zu ihrem Tantra-Kurs und wollten deswegen gerade ihre Mäntel holen. Deswegen raunt mir jetzt also so ein vierbeiniger Wollmantel diesen Poesiealbum-Spruch zu! Dennoch ist dies einer der wenigen sinnvollen Tipps von heute Abend, wäre er nur nicht bis zur Unkenntlichkeit ausgelutscht. Allen Sprüchen, die es auf Wandtattoos, Frühstücksbrettchen oder auf Zitate-Posts in eine Facebook-Timeline geschafft haben, muss man grundsätzlich misstrauen.
Tatsächlich halte ich Selbstliebe für einen der wichtigsten Punkte überhaupt in einer funktionierenden Beziehung, wenn nicht sogar elementar fürs ganze Leben. Da es aber viele Menschen gibt, die nicht sonderlich selbstliebend sind, aber trotzdem vergeben, erscheint mir mangelnde Selbstliebe nicht als ausschlaggebendes Kriterium für mein Single-Dasein.
Der Wollmantel bewegt sich mittlerweile rhythmisch. Ich gehe lieber schnell in die Küche zurück, in die die Party wie jede Gute mittlerweile umgesiedelt ist. Weil alle Schwangeren die wenigen Stühle für sich beanspruchen, rutsche ich mit dem Hintern die Arbeitsplatte hoch. Zum Glück stehen Gin und Tonic in Reichweite. Ich lasse meine Aggression an den armen Gurken und Limetten aus. Mein Blick kreuzt den der hochschwangeren Sam, die mich merkwürdig ansieht.
Was sie nun sagt, meint sie natürlich „nur gut“:
„Du musst langsam Gas geben! Sonst stirbst du alleine.“
Ich verlasse die Party.
An der Tramhaltestelle stoße ich auf ein altes Paar; die beiden sind schön zurechtgemacht. Wahrscheinlich kommen sie vom Theater. Sie halten Händchen. Mein missmutiges Gesicht wandelt sich in ein melancholisches und womöglich auch neiddurchdrungenes. Der Herr fragt freundlich: „Sind Sie allein unterwegs?“ Mein Kopf bewegt sich auf und ab. Der Herr, mit einem leisen Lächeln: „Das müssen Sie genießen, solange es geht!“ Seine Frau lacht leise, gibt ihm einen kleinen Stups. Er strahlt sie mit einem lieben Grinsen an. Ich muss lächeln.
Zuerst erschienen auf Auxkvisit am 23. Oktober 2015.
Titelbil: © AnnaStills / envato
Illustration: © Miriam Lochner
