Positive Psychologie, Holistik / Es gibt etwas im Leben, das hat jeder von uns. Und obwohl es das größte Potenzial hat, will niemand darüber sprechen. Denn wir halten es für uncool: Es widerspricht dem Prinzip Leistung; dem gierigen Wunsch nach Perfektion und Selbstoptimierung steht es total im Wege. Und das nur ironischerweise nur vermeintlich – denn gerade in diesem unbeliebten Ding steckt das allergrößte Potenzial für uns verborgen!
Die Rede ist nicht von Pickeln oder Pupsen, sondern von – Angst. Nicht der Pathologischen, sondern der Kleinen, die uns im Leben immer wieder begegnet. Nennen wir sie hier der Einfachheit halber „Monster“.
Jeder hat sein Monster, vielleicht sogar mehr als nur eines, das in bestimmten Situationen auftaucht: Die wichtige Präsentation im Job. Einen Vortrag vor großem Publikum halten. Ein Date. Ein Telefonat. Zu verreisen. Allein ins Kino gehen. Keine dieser Situationen ist per se lebensbedrohend, ja für andere Menschen sogar gut und schön – und dennoch machen sie manchen Leuten Angst. Warum ist das so, und was können wir dagegen tun?
Ist es überhaupt so klug, etwas dagegen zu machen?

Wider die Angst
Im Lauf des Lebens entwickeln wir unsere Taktiken gegen die Angst, bewusst oder unbewusst. Die bekanntesten sind die drei Fs: Flight, Fight, Freeze.
Stellen wir uns dafür einfach mal vor, dass wir unsere Lieblingsstraße entlangspazieren …
1. Vermeiden
Wir vermeiden präventiv proaktiv jegliche Konfrontation mit unserer Angst. Wenn hinter einer Straßenecke auch nur der kleinste Schatten vermutet werden könnte, wechseln wir automatisch auf die andere Straßenseite. Somit befinden wir uns immer auf der hellen Seite! Auf diese Art und Weise kann uns nie (wieder) etwas Schlimmes passieren. Wir fühlen uns starwarsmäßig auf der richtigen Seite der Macht – und tatsächlich auch mächtig. Zumindest kontrollieren wir mächtig …
Die Folge: Schatten gibt es keine. Allerdings auch keinen richtigen Sonnenschein. Eine Käseglocke senkt sich im Lauf der Zeit immer tiefer, bevor sie sich mit einem dumpfen Schmatzen am Boden festsaugt. Wir sehen die Monster zwar nicht mehr, wissen aber – mal mehr, mal weniger bewusst – dass wir mit ihnen eingeschlossen sind. Also sind wir in ständiger Habacht-Stellung. Die Folge? Wir verkrampfen zusehends.
2. Weglaufen
Sobald wir auch nur irgendwo ein Monster sehen, das sein Maul aufreißt, rennen wir ganz schnell in die entgegengesetzte Richtung. Irgendwo, wo das Licht scheint, bleiben wir schließlich schnaufend stehen. Alles nochmal gut gegangen! Aber … was hätte eigentlich passieren können? Das werden wir nun nicht mehr erfahren. Zum Glück. ?
Die Folge: Nachdem wir wieder zu Atem gekommen sind und uns beruhigt haben, kommen uns nicht selten Gedanken wie: „Was, wenn ich nicht davongerannt wäre?“ – „Wollte das Monster vielleicht einfach nur gähnen? Hatte das arme Ding womöglich nur was am Zahnfleisch?“ Jetzt stecken wir in einem Gedanken-Karussell fest, das nichts bringt, ganz im Gegenteil – es nimmt uns Energie. Wir sind zwar vor dem einen Monster erfolgreich weggelaufen, aber in ein anderes, fast noch Machtvolleres mitten hinein: in Zweifel.
Das ist die beste Chance, um eine leichte Ahnung davon zu bekommen, dass es Zeit sein könnte für Methode Nummer Drei:
3. Konfrontation
Wir marschieren ganz entspannt unseren Weg entlang, wie wir gerade Lust darauf haben – mal auf der dunkleren, mal auf der helleren Seite. Uns kümmert nicht, ob und wann sich uns ein Monster offenbaren könnte. Denn wir wissen, dass in dieser Straße halt auch ein paar Monster wohnen, die manchmal auch ihr Haus verlassen. Manchmal springt vielleicht eines hinter der Straßenecke hervor und bäumt sich auf. Woaaah, da präsentiert es sein gewaltiges Maul! Diesmal bleiben wir aber ganz ruhig stehen. Schauen dem Monster zu, wie es schreit und schreit. Da schreit es also. In dieser nüchternen Beobachtung passiert etwas Faszinierendes:
Niemand hat so einen langen Atem, dass er einen ewig anbrüllen könnte. So geht es auch jedem Monster. Irgendwann hustet es, japst nach Luft. Manche platzen sogar! Und meistens kommt dann heraus, dass das Monster nur ein Mini-Monster ist in einem Riesenmonsterkostüm. Überraschend oft wirkt es dann bei genauerer Betrachtung glatt harmlos, ja fast schon knuffig. In so einem Moment können wir das Monster anlächeln und umarmen. Das Monster fühlt sich vielleicht durchschaut und macht noch einmal sein Milchzahnmäulchen auf, aber heraus kommt nur noch ein lustiges Fiepen.

Welche Methode wählst du?
Unschwer zu erkennen, was sich langfristig am meisten auszahlt.
Allerdings soll das keine Aufforderung sein, ab sofort immer und überall den dritten Weg zu wählen und sich freiwillig in die dümmsten Situationen zu manövrieren. An dieser Stelle sei natürlich ein Plädoyer ausgesprochen für Verstand, Bauchgefühl und Eigenverantwortung.
Angst ist als natürliche Reaktion eine riesige Hilfe im Alltag! Hilft das nicht auch schon, sie mit freundlicheren Augen zu betrachten?
Jeder muss für sich den richtigen Zeitpunkt finden für ein Tête-à-tête mit seiner Angst.
Es gibt Situationen, da ist der antrainierte Flucht-Reflex immer noch schneller und womöglich sogar besser als jede rationale Überlegung. Auch diese Momente haben ihre Berechtigung. Hier gilt es, nachsichtig mit sich selbst und seinen Monstern zu sein. Nicht jeder Tag eignet sich für Monsterjagd! Das ist dann auch ok.
Schattenarbeit lohnt sich
Ich weiß aus persönlicher Erfahrung, wie kuschelig angenehm es unter der Käseglocke sein kann. Dass man mit den richtigen Schuhen oft genug davonlaufen kann, ohne Blasen zu bekommen. Aber nachdem ich meinen Monstern ein paar mal beim Brüllen und Luftausgehen zugesehen habe, bin ich ein klarer Fan von Methode Drei geworden. Ja, manchmal freue ich mich glatt mittendrin auf dem lichten Weg, wann ich mich mal wieder einem Monster stellen darf!
Sich mit seinen Ängsten zu konfrontieren, wird in der Persönlichkeitsentwicklungs-Szene auch als Schattenarbeit bezeichnet. Schattenarbeit soll heute so wichtig sein wie noch nie. Aus gutem Recht! Denn umso mehr wir uns trauen, umso mehr wir uns mit unseren eigenen Monstern konfrontieren, umso stärker werden wir – und das auf die ehrlichste, authentischste Art. Einen passgenaueren, individuellen Kurs oder Workshop, Dich zu transmutieren, bekommst Du sonst nur für mehrere hundert Euro …
Und wenn das mal nicht funktioniert?
Manchmal hängen unsere Monster extrem an uns. Versuch mal wortwörtlich, über deinen Schatten zu springen! Nicht mal verschütteter Honig klebt so hartnäckig an deinem Bein. Ja, man könnte meinen, das Monster würde einen geradezu lieben und deswegen nicht loslassen wollen. Was so abwegig gar nicht ist: Diese Monster sind ehemals als Schutzreaktionen entstanden, als wir Kind waren. Was kann man aber nun in so einer Situation machen, wenn sich die Angst so an einen klammert?

Eine monstermäßige Übung
Mix aus Meditation und NLP (Neurolinguistischem Programmieren)
Geh mit Deiner Angst direkt in Dialog. Am besten, Du setzt oder legst Dich irgendwo ruhig hin. Gib nun dem Monster eine Gestalt, einen Namen, eine Stimme. Die richtigen Ideen hierzu werden Dir ganz automatisch kommen, wenn Du Dich entspannst und offen bist.
Wenn sich das Monster Dir zeigt, lässt Du das Monster erst mal Monster sein. Vielleicht schreit es Dich dann erst mal ganz schlimm an. Nimm es nicht persönlich, schau einfach zu, als würdest Du Dir im Zoo einen Tiger ansehen, der in seinem sicheren Gehege machen kann, was er will, aber Dir nicht schaden kann. Wenn es sich ausgebrüllt hat, dann frage Dein Monster, warum es das macht. Warte seine Antwort ab. Verrät Dir das Monster nun seine Absichten, mach es dafür nicht zur Schnecke, sondern bedanke Dich dafür: dafür, dass es versucht, Dich zu schützen. Gib ihm dann aber mit einem ernsthaften, erwachsenen Ton zu verstehen, dass Du jetzt groß bist und prima für Dich selbst sorgen kannst. Die Anstrengung und Mühe vom Monster werden nicht weiter benötigt. Siehst Du Deinem Monster jetzt vielleicht sogar eine Erleichterung an? Verabschiede Dich aufrichtig, drück seine Pfote – und dann sieh zu, wie sich das Monster weggeht und immer kleiner wird. Vielleicht löst es sich auch einfach in der Luft auf?
Du kannst diese Übung verstärken, wenn Du die Hand auf eine Stelle am Körper legst, wo Du das schwarze Knäuel richtig deutlich spürst: Wenn Du das Monster sprechen lässt, legst Du die Hand da hin. Wenn Du selbst sprichst, legst Du die Hand weg – und womöglich auf eine andere Stelle, die Dir Ruhe vermittelt, wie etwa aufs Herz. Mit diesen körperlichen Ankern kannst Du das Rollenspiel verstärken.
Wenn Du ein Monster-Hardliner bist und schon ein paar mal Schattenarbeit gemacht hast, kannst Du die Übung gleich im Akutfall machen. Geht es nicht, weil Du mitten in der Arbeit ist? Dann mach Dir ein Date mit dem Monster aus: „Heute Abend um 19:30 Uhr treffen wir uns! Und dann richtig nur wir zwei, ganz in Ruhe. Bis dahin kannst Du mich also in Ruhe lassen …“
Sollte Dich Schattenarbeit im Akut-Fall überfordern, dann atme in solchen Situationen sofort ruuuhig und tief in den Bauch. Und dann länger aus als ein. Die beruhigende Atemtechnik wird noch intensiver, wenn Du beim Ausatmen die Lippen formst, als würdest Du durch einen altmodischen Strohhalm blasen. Gegen diese Methode sind die Viecher machtlos. Und das Ganze geht relativ unauffällig – sogar im Büro! Dann atmest Du eben über die Nase …
Fazit: Vom Umgang mit Angst-Monstern
Ganz egal, welchen Weg wir wählen: Die Erkenntnis, dass die Angst inklusive ihrer Monster zu uns gehört, erleichtert den Umgang mit ihr massiv. Sie mögen nicht erfreulich sein, und doch sind sie so überaus natürlich. Als Schutzmechanismen, als sogenannte Muster und Automatismen oder Glaubenssätze begleiten sie uns von Kindsbeinen an – und hatten dabei ja nie die Absicht, uns zu schaden. Unsere Kinderpsyche wusste es nicht anders; damals war das tatsächlich die beste Lösung.
Diese Perspektive macht es noch einmal leichter, milde auch mit sich selbst umzugehen. Denn am wenigsten Sinn macht es, sich zusätzlich auch noch Selbstvorwürfe und Schuldzuweisungen zuzuschreiben.
Im besten Fall machen wir unsere Monster uns zu Freunden! Denn in und mit ihnen entdecken wir am Ende nur noch mehr von uns selbst. Und darüber kann man reden, darf, muss und soll man: Denn das ist es, was uns menschlich, individuell und vielschichtig macht.

Zuerst erschienen auf Auxkvisit am 12. Juli 2015.
Illustrationen: © Miriam Lochner
